Interview Dorothe Kettner MentforMigra - HirschburgFORUM

Lesen als Brücke: Dorothee Kettner von MentForMigra über Mentoring und Bildungschancen

Dorothee Kettner ist Gründerin von MentForMigra. Die Initiative begleitet Schüler mit Migrations- oder Fluchthintergrund über mehrere Jahre hinweg durch ehrenamtliche Mentoren.

Im Mittelpunkt steht das Lesen: Kinder und Jugendliche treffen sich regelmäßig mit ihren Mentoren, sprechen über Bücher und neue Wörter.

Die Schüler werden meist von Lehrkräften vorgeschlagen. Entscheidend sind dabei Motivation, Lernbereitschaft und der Wunsch, den eigenen Bildungsweg aktiv zu gestalten.

Im Gespräch erzählt Dorothee Kettner, wie MentForMigra entstanden ist – und warum kontinuierliche Begleitung für viele junge Menschen einen wichtigen Unterschied machen kann.

„Ich habe gesehen, dass viele Kinder nicht die gleichen Chancen haben“

Frau Kettner, wie würden Sie Ihre Rolle als Gründerin von MentForMigra beschreiben – und was hat zur Gründung geführt?

Ich bin ursprünglich Grundschullehrerin. Die Initiative ist entstanden, weil ich erlebt habe, dass Schüler mit Migrations- oder Fluchthintergrund oft nicht die gleichen Bildungschancen haben wie Kinder aus deutschsprachigen, bildungsinteressierten Elternhäusern.

Durch meine Arbeit mit einem eingewanderten Schüler habe ich gemerkt, dass es viel mehr Kinder gibt, die eigentlich eine Eins-zu-eins-Begleitung bräuchten.

Mir war wichtig, andere Menschen dafür zu gewinnen, diese Situation ebenfalls zu sehen – und gemeinsam etwas zu verändern.

Sprache als Schlüssel zum Bildungsweg

Wie funktioniert MentForMigra konkret?

Ein zentraler Bestandteil unseres Programms ist das Lesen. Die Kinder verpflichten sich, täglich etwa eine halbe Stunde zusätzlich zu den Hausaufgaben zu lesen.

Ohne gute Sprachkenntnisse ist es schwer, im Bildungssystem erfolgreich zu sein. Deshalb arbeiten wir gezielt am Wortschatz.

Einmal pro Woche treffen sich die Kinder mit ihren Mentoren in einer Stadtbücherei. Dort werden Bücher ausgesucht, schwierige Wörter besprochen und in einem Vokabelheft festgehalten.

So wird das Lesen zu einem kontinuierlichen Lernprozess.

Zwischen zwei Kulturen tanzen

Gab es eine Begegnung, die Ihnen besonders deutlich gemacht hat, wie wichtig diese individuelle Begleitung sein kann?

Das habe ich schon mit meinem ersten Mentee erlebt.

Er war ein sehr aufgeweckter Junge, der sich in seiner Grundschule sicher fühlte. Als wir ihn am Gymnasium anmelden wollten, traute er sich kaum, dem Schulleiter in die Augen zu schauen oder längere Antworten zu geben.

In seiner Familienkultur gilt es als unhöflich, einem Erwachsenen direkt in die Augen zu schauen oder viel zu sprechen. Für ihn war diese Situation also nicht nur sprachlich schwierig, sondern auch kulturell.

Viele unserer Mentees lernen mit der Zeit, sich zwischen diesen beiden Welten zu bewegen. Ich nenne das manchmal „zwischen zwei Kulturen tanzen“.

„Geschenkte Zeit macht einen Unterschied“

Was macht die Beziehung zwischen Mentoren und den Kindern so besonders?

Für die Kinder ist es wichtig zu erleben, dass sich jemand regelmäßig Zeit für sie nimmt – freiwillig.

Die Mentoren werden nicht bezahlt. Wir sagen den Kindern auch offen, dass diese Zeit geschenkte Zeit ist.

Das schafft Vertrauen. Die Kinder merken, dass sich jemand wirklich für sie interessiert.

Mentoren begleiten, ermutigen und überlegen gemeinsam mit dem Kind, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.

Begleitung über das Lesen hinaus

Welche Rolle spielt die Familie der Kinder in Ihrer Arbeit?

Die Begleitung endet nicht beim Kind allein. Für viele Mentoren gehört auch der Kontakt zur Familie dazu.

Manchmal helfen sie dabei, schulische Informationen oder Termine zu erklären oder begleiten zu Elternabenden. Auch bei der Suche nach Freizeitangeboten für die Mentees oder Sprachkursen für die Eltern unterstützen sie gelegentlich.

Wichtig ist dabei immer ein respektvoller Umgang miteinander. Die Zusammenarbeit lebt von Vertrauen, Geduld und Interesse an der Lebenssituation der Familien.

Entwicklung, die sichtbar wird

Woran merken Sie, dass Mentoring Wirkung entfalten kann?

Wenn wir Kinder nach einigen Jahren wiedersehen, merken wir oft, wie sehr sie sich verändert haben.

Am Anfang sind viele noch schüchtern. Mit der Zeit sprechen sie freier, treten sicherer auf und entwickeln mehr Selbstvertrauen.

Ein Beispiel ist eine Familie aus Bangladesch mit drei Mädchen. Die älteste Tochter hat inzwischen Abitur gemacht und studiert Jura. Auch ihre beiden Schwestern gehen ihren Bildungsweg erfolgreich.

Solche Entwicklungen zeigen, was langfristige Begleitung bewirken kann.

Ehrenamt schafft neue Perspektiven

Welche Bedeutung hat das Engagement der Mentoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Viele Mentoren erzählen, dass sich ihr Blick auf Integration verändert hat.

Sie erleben, wie anspruchsvoll es sein kann, sich in einem neuen Land zurechtzufinden – sprachlich, kulturell und organisatorisch.

Gleichzeitig lernen sie die Familien persönlich kennen und hören ihre Geschichten. Solche Begegnungen schaffen Verständnis und bauen Distanz ab.

Wachstum und neue Standorte

Wo möchten Sie mit MentForMigra in einigen Jahren stehen?

Die Arbeit stößt auf großes Interesse. In den vergangenen Jahren konnte der Ansatz zeitweise auch auf Viersen und Neuss ausgeweitet werden, unterstützt durch abgeordnete Lehrkräfte.

Perspektivisch soll die Arbeit weiter wachsen. Ein nächster Schritt ist der Aufbau eines MentForMigra-Standorts in Köln, der derzeit vorbereitet wird.

Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Finanzierung. Ohne verlässliche Unterstützung ist es schwierig, die Arbeit langfristig auszubauen.

Einladung an die Stadtgesellschaft

Wenn Sie eine Einladung aussprechen könnten – wozu würden Sie Menschen ermutigen?

Ich würde Menschen ermutigen, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht eine Stunde pro Woche Zeit schenken können.

Eine Stunde, um ein Kind oder einen Jugendlichen zu begleiten, zuzuhören und Erfahrungen weiterzugeben.

Eine solche Stunde kann viel bewirken – für die Kinder, aber auch für die Mentoren selbst.

 

Wer mehr über die Arbeit der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft MentforMigra gUG erfahren oder selbst Mentor werden möchte, findet hier weitere Informationen: https://mentformigra.de/