Wenn Hilfe nicht an der Entfernung scheitern darf – Dr. Michael Offermann von Flying Hope e. V.
Begegnungen leben davon, dass sie weitergehen. Dr. Michael Offermann, Vorstand von Flying Hope e. V., war bereits zum zweiten Mal zu Gast im HirschburgFORUM. Nach der ersten Begegnung bot das erneute Gespräch Gelegenheit, die Arbeit des Vereins noch einmal vertieft kennenzulernen – und einen Einblick in ein außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement zu gewinnen.
Flying Hope ermöglicht schwerstkranken Kindern kostenlose Flüge zu Spezialkliniken, Rehabilitationszentren oder Hospizen. Immer dann, wenn eine lebenswichtige Behandlung mit dem Auto, der Bahn oder einem Linienflugzeug nicht möglich ist, bringen ehrenamtliche Piloten die Familien sicher an ihr Ziel. Im Gespräch berichtet Dr. Michael Offermann von Verantwortung, bewegenden Begegnungen und dem Wunsch, dass keine Familie an der Entfernung zur richtigen Behandlung scheitern muss.
Wenn der kürzeste Weg plötzlich der wichtigste wird
Herr Dr. Offermann, wie würden Sie Flying Hope jemandem beschreiben, der den Verein noch nicht kennt?
„Dass der Verein leider auch nach 16 Jahren noch häufig nicht gekannt wird, ist schade. Deshalb erkläre ich fast immer zuerst, wer wir sind: Flying Hope ist das einzige europäische Pilotennetzwerk, das schwerstkranke, schwerstbehinderte und schwerstgeschädigte Kinder kostenlos fliegt. Wir bringen sie zu den bestmöglichen Kliniken, in Rehazentren, Hospize oder dorthin, wo sie dringend Hilfe brauchen. Manchmal begleiten wir Kinder leider auch auf ihrem letzten Weg.“
Wie ist Flying Hope entstanden?
„Unsere Gründer haben in den USA Angel Flight kennengelernt. Die Idee war, etwas Vergleichbares hier in Deutschland aufzubauen. Daraus ist Flying Hope entstanden. Heute sind wir gemeinsam mit Angel Flight die einzigen gemeinnützigen Pilotennetzwerke dieser Art.“
Jeder Flug beginnt mit einer Entscheidung
Wie läuft eine Unterstützung ab?
„Die Eltern melden sich über unsere Homepage oder unsere Geschäftsstelle. Danach sprechen wir miteinander und prüfen gemeinsam mit den behandelnden Ärzten, ob ein Flug überhaupt möglich ist. Wir fliegen keine Ambulanzmaschinen. Deshalb bringen die Familien alles mit, was ihr Kind während des Fluges benötigt – auch für den Fall eines medizinischen Notfalls.“
Was macht diese Entscheidungen so besonders?
„Manchmal entscheiden Kleinigkeiten darüber, ob ein Flug verantwortbar ist oder nicht. Einmal wollte eine Familie ihr Kind mit Flüssigsauerstoff transportieren. Nach Rücksprache mit dem Hersteller war klar, dass diese Behälter im Flugzeug nicht zugelassen sind, weil sie aufgrund des massiven Drucks explodieren könnten. So schwer uns das gefallen ist – wir mussten den Flug absagen. Sicherheit geht immer vor.“
Gab es einen Einsatz, der Sie besonders bewegt hat?
„Ein Junge hatte den Wunsch, nicht zu Hause zu sterben, sondern am Meer. Wir haben lange überlegt, ob wir diesen Flug verantworten können. Am Ende haben wir ihn nach Wilhelmshaven geflogen. Zwei Tage später ist er dort am Strand gestorben. Solche Entscheidungen vergisst man nie.“
Drei Geschichten, die zeigen, worum es wirklich geht
Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
„Ein Junge hatte nach einer schweren Hirnhautentzündung sein Atemzentrum verloren. Im Alltag musste er sich deshalb immer wieder bewusst daran erinnern zu atmen. Während des Fluges war er so fasziniert vom Blick aus dem Fenster, dass er diesen Rhythmus vergaß. Deshalb musste er – wie auch sonst regelmäßig nachts– beatmet werden. Für mich zeigt diese Geschichte, wie außergewöhnlich manche Krankheitsbilder sind und wie wichtig es ist, jede Situation sehr genau einzuschätzen.“
Gibt es noch ein Beispiel?
„Seit vielen Jahren fliegen wir ein Mädchen mit einer seltenen Form der kindlichen Demenz regelmäßig nach Hamburg zu einer speziellen Enzymtherapie. Eigentlich hatten die Ärzte ihr nur eine kurze Lebenserwartung gegeben. Heute lebt sie noch immer. Natürlich wissen ihre Eltern, dass die Krankheit nicht heilbar ist. Aber jede zusätzliche Zeit mit ihrer Tochter bedeutet ihnen unendlich viel.“
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von den Familien?
„Die Eltern sind unglaublich dankbar. Viele sagen uns, dass eine Behandlung ohne Flying Hope gar nicht möglich gewesen wäre, weil ihr Kind weder mit dem Auto noch mit der Bahn oder einem normalen Flugzeug reisen könnte.“
Ein Netzwerk, das Hoffnung möglich macht
Wer trägt Flying Hope?
„Unsere Piloten und Copiloten fliegen ehrenamtlich mit ihren eigenen Maschinen. Die Spendengelder brauchen wir für Treibstoff und Flugkosten. Gleichzeitig suchen wir ständig neue Piloten, Copiloten, Fördermitglieder und Unternehmen. Nur so können wir noch mehr Kindern helfen.“
Wie hat sich der Verein entwickelt?
„Seit wir den Vorstand übernommen haben, konnten wir die Zahl unserer Mitglieder und Piloten mehr als verdoppeln. Heute fliegen wir rund 100 Einsätze im Jahr. Darauf sind wir stolz. Gleichzeitig wissen wir, dass der Bedarf aber deutlich größer ist.“
Flüge der Hoffnung – für kleine Herzen
Was bedeutet Flying Hope für Sie persönlich?
„Ich war schon als Kinderchirurg glücklich, wenn ich einem Kind helfen konnte. Dieses Gefühl habe ich heute wieder – nur im Flugzeug. Wenn wir ein Kind sicher an sein Ziel bringen und dadurch eine Behandlung möglich wird, wissen wir, das die Spende persönlich angekommen ist. Dieses Gefühl verbindet alle unsere Piloten.“
Flying Hope bedeutet für mich …
„Flüge der Hoffnung – mit Piloten für kleine Herzen“, so wie man es in dem traumhaften Song hört, der uns zu Weihnachten 2025 gespendet wurde.
Was wünschen Sie sich für betroffene Familien?
„Ich wünsche mir, dass sie möglichst früh von uns erfahren. Niemand sollte auf eine lebenswichtige Behandlung verzichten müssen, weil der Weg dorthin zu weit ist. Wenn wir Familien ein Stück Last abnehmen können, dann haben wir genau das erreicht, wofür Flying Hope gegründet wurde.“
Mehr über die Arbeit von Flying Hope erfahren Sie hier: https://www.flyinghope.de/


