Wir erziehen nicht, wir beflügeln: Im Gespräch mit Claudia Seidensticker von KRASS e. V.

Nachdem Claudia Seidensticker bereits zu Gast im HirschburgFORUM war, durften wir sie nun ein zweites Mal bei uns begrüßen. Im Gespräch wurde schnell deutlich, dass es bei KRASS e. V. um weit mehr geht als um Farben, Leinwände oder kreative Angebote.

Seit vielen Jahren setzt sich Claudia Seidensticker dafür ein, Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft Zugang zu Kunst und kultureller Bildung zu ermöglichen. Langfristig, niedrigschwellig und nah an ihrer Lebenswelt. Im Austausch wurde deutlich, wie eng Kreativität, Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe miteinander verbunden sein können und warum Kinder manchmal weit mehr ausdrücken, als Worte sagen können.

Kulturelle Bildung und langfristige Begleitung

Frau Seidensticker, wie würden Sie KRASS jemandem beschreiben, der den Verein noch nicht kennt?

„Wir vermitteln kulturelle Bildung an sozioökonomisch schwache Kinder. Familien, die sich keine Musikschule, Malschule, Tanz- oder Theaterkurse leisten können, bekommen diese von uns geschenkt.“

Besonders wichtig sei dabei die langfristige Begleitung.

„Unsere Projekte sind nachhaltig und langfristig angelegt. Bei uns gibt es keine Sechs-Wochen-Projekte. Wir begleiten Kinder teilweise über Jahre.“

Seit 2014 arbeitet KRASS außerdem regelmäßig in vielen Flüchtlingsunterkünften.

Dort gehen Künstler und Künstlerinnen jede Woche in die Unterkünfte und bringen Farben, Papier, Kunstmaterialien und kreative Ideen mit. Die Kinder malen, basteln, tanzen und gestalten. Gleichzeitig erhalten sie die Möglichkeit, spielerisch Deutsch zu lernen.

„Wir erziehen nicht, wir beflügeln.“

Außerdem gehören Ausflüge ins Museum, Theater oder Ballett regelmäßig dazu.

Kinder öffnen nicht nur Farbtöpfe, sondern ihre Herzen

Warum ist kulturelle Bildung aus Ihrer Sicht so wichtig?

„Sie ist entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung.“

Für Claudia Seidensticker geht es dabei um weit mehr als kreative Techniken oder gestalterische Fähigkeiten.

„Kulturelle Bildung fördert Teamgeist, Toleranz, Verantwortungsgefühl und die Fähigkeit, Dinge kritisch zu hinterfragen. Aber am wichtigsten ist, dass Kinder durch Kunst erfahren, dass sie die Welt mitgestalten können.“

Kinder würden ihre Lebenswelt bildnerisch ausdrücken, Erlebnisse verarbeiten und innere Bilder sichtbar machen.

„Beim Malen bauen Kinder eine Brücke von innen nach außen.“

Malen helfe Kindern dabei, Erlebnisse zu verarbeiten, innere Bilder auszudrücken und das Vorstellungsvermögen zu erweitern. Gleichzeitig würden Eigeninitiative, Selbstvertrauen und Teamfähigkeit gestärkt.

Wirkung braucht Zeit

Woran erkennen Sie, dass Ihre Arbeit wirkt?

„Ein einmaliger Workshop reicht nicht aus, um einen Effekt zu erzielen. Kinder und Jugendliche brauchen Zeit, bis sie lernen, ihre Ideen, Gefühle und Sichtweisen zu artikulieren und ihre eigene Stimme zu finden.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist Claudia Seidensticker ein Mädchen, das die Schule verweigerte, aber außergewöhnlich gut malen konnte.

Sie erhielt später ein Stipendium von KRASS.

„Heute studiert sie Grafikdesign. Das ist für mich echte Wirkung.“

„Wenn die Kinder nicht zu uns kommen, gehen wir zu ihnen“

Über fast schon über ein Jahrzehnt, sind unterschiedlichste Projekte entstanden: mobile Ateliers auf Spielplätzen, Museums-, Tanz- und Theaterbesuche sowie kreative Angebote direkt dort, wo Kinder leben.

„Früher habe ich immer gesagt: Wenn die Kinder nicht zu uns kommen, dann gehen wir zu den Kindern.“

Bis heute fährt KRASS mit mobilen Angeboten in Stadtteile und Einrichtungen und schafft dort kreative Räume.

Kulturelle Bildung ist nicht selbstverständlich

Was verrät der Zugang von Kindern zu Kunst und Bildung über unsere Gesellschaft?

„Kunst und Kultur sind für viele Familien inzwischen Luxusgüter.“

Musik- oder Tanzunterricht, Theater oder kreative Angebote seien für viele Kinder oft nicht erreichbar.

„Da entstehen sehr früh Bildungsunterschiede.“

Auch deshalb sieht Claudia Seidensticker kulturelle Bildung als einen wichtigen Teil gesellschaftlicher Teilhabe.

„Kinder erfahren durch Kunst, dass sie die Welt mitgestalten können.“

Jeden Tag ein kleiner Schritt

Was hat Sie selbst über all die Jahre getragen?

„Ich habe jederzeit ein, zwei oder drei kleine Ziele und gehe jeden Tag einen kleinen Schritt in diese Richtung.“

„Wichtiger als die Größe der Schritte sind Kontinuität und Stetigkeit.“

Und was ihr Kraft gebe?

„Es macht mich sehr glücklich, die positive Wirkung unserer Arbeit auf Kinder und Jugendliche zu sehen.“

Große Pläne habe es am Anfang nicht gegeben.

„Ich habe niemals gedacht, irgendwann einmal so viele Projekte umzusetzen. Ich bin einfach weitergelaufen und habe gemacht.“

Blick nach vorn

Was möchten Sie jungen Menschen mitgeben?

„Kreativ zu denken. Kreativ denken heißt auch, kreativ zu handeln.“

Und auf die Frage, was wir vielleicht wieder von Kindern lernen könnten, blieb ein Gedanke besonders stehen:

„Wir vergessen im Alltag oft, dankbar zu sein. Wir nehmen viele positive Dinge selbstverständlich und übersehen das, was gut und schön ist.“

„Wenn wir uns häufiger auf schöne Dinge konzentrieren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir mehr davon erleben.“

 

Mehr zur Arbeit von KRASS e. V. finden Sie hier: https://krass-ev.de/