Nicht schenken, sondern befähigen – Claudia Jerger über die Arbeit der YOU Stiftung

Kinderarbeit, Armut, fehlende Bildung und mangelnde Perspektiven – die Herausforderungen, denen viele Menschen weltweit begegnen, sind oft eng miteinander verbunden. Die YOU Stiftung setzt deshalb auf einen ganzheitlichen Ansatz, der Bildung, Gesundheit, Ernährung, Einkommensförderung und Eigenverantwortung zusammendenkt. Im Gespräch mit dem HirschburgFORUM erläutert Claudia Jerger, warum nachhaltige Entwicklung nur gemeinsam mit den Menschen vor Ort gelingen kann und weshalb kleine Schritte oft den größten Unterschied machen.

Frau Jerger, wie würden Sie die YOU Stiftung jemandem beschreiben, der ihre Arbeit noch nicht kennt?

Wir nennen uns gerne eine Plattform für soziale Investitionen. Gemeinsam mit Unternehmen entwickeln wir maßgeschneiderte Projekte, die mehrere Herausforderungen gleichzeitig angehen. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle, aber auch Gesundheit, Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, Landwirtschaft oder Einkommensförderung gehören dazu.

Wichtig ist uns, dass Projekte nicht für Menschen entwickelt werden, sondern mit ihnen. Die Prioritäten der jeweiligen Länder und die Ziele der UNESCO fließen dabei immer mit ein. So entstehen Lösungen, die tatsächlich vor Ort gebraucht werden und langfristig wirken können.

Ihr persönlicher Weg zur Stiftung ist eng mit ihrer Geschichte verbunden. Was hat Sie geprägt?

Meine Mutter, die Gründerin der YOU Stiftung und UNESCO-Sonderbotschafterin Ute-Henriette Ohoven, engagiert sich seit mehr als vierzig Jahren ehrenamtlich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Dadurch bin ich sehr früh mit diesen Themen in Berührung gekommen.

Besonders geprägt haben mich jedoch die eigenen Erfahrungen vor Ort. Kinderarbeit zu sehen und die Lebensrealitäten vieler Familien kennenzulernen, verändert den Blick auf die Welt.

„Mein Ziel ist es, gerechtere Chancen zu schaffen. Es darf nicht vom Geburtsort eines Kindes abhängen, welche Zukunft es hat.“

Bildung als Grundlage für Veränderung

Die YOU Stiftung versteht Bildung als Schlüssel für Veränderung. Warum beginnt aus Ihrer Sicht so vieles mit Bildung?

Die UNESCO formuliert es sehr treffend: „Kriege entstehen im Geist der Menschen, deshalb muss auch Frieden im Geist der Menschen entstehen.“

Bildung ist Zukunft. Sie schafft Perspektiven, eröffnet Chancen und ermöglicht Entwicklung. Ohne Bildung wird es schwierig, Armut zu überwinden, den Klimawandel zu bewältigen oder gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen.

Gleichzeitig bedeutet Bildung weit mehr als Schule. Sie schafft Verständnis, stärkt kritisches Denken und befähigt Menschen, ihr Leben selbst zu gestalten.

Was fehlt Kindern in schwierigen Lebenssituationen häufig zuerst?

Nach meiner Erfahrung fehlt selten nur eine Sache. Es ist meist ein Kreislauf aus allem.

Wer in extremer Armut lebt, dem fehlen häufig Bildung, Gesundheit, Ernährungssicherheit und grundlegende Versorgung zugleich. Deshalb müssen Projekte immer ganzheitlich gedacht werden.

Ein Kind, das krank oder unterernährt ist, kann die besten Bildungsangebote nicht nutzen. Deshalb betrachten wir zunächst die gesamte Lebenssituation eines Menschen, bevor wir entscheiden, welche Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.

Den Kreislauf von Armut durchbrechen

In vielen Regionen hängen Kinderarbeit, Armut und fehlende Perspektiven eng zusammen. Was braucht es, um diesen Kreislauf langfristig zu durchbrechen?

Kinderarbeit ist ein Thema, das mich besonders bewegt. Ich habe selbst erlebt, unter welchen Bedingungen Kinder arbeiten müssen.

Dabei dürfen wir die Ursachen nicht ausblenden. Extreme Armut zwingt viele Familien dazu, jeden möglichen Beitrag zum Überleben zu nutzen. Gleichzeitig fehlen häufig wirksame Schutzmechanismen und Kontrollen.

„Wenn Eltern fair bezahlt würden und menschenwürdige Arbeit hätten, müssten Kinder nicht arbeiten.“

Davon bin ich überzeugt.

In Bangladesch unterstützt die YOU Stiftung beispielsweise Nachtschulen für arbeitende Kinder. Dort erhalten die Kinder Bildung, etwas zu essen, psychosoziale Betreuung und einen geschützten Raum.

Natürlich wäre das Ziel, Kinder vollständig aus der Arbeit herauszuholen. Doch solange die Ursachen bestehen, braucht es Lösungen, die den Kindern bereits heute helfen.

Entwicklung gemeinsam gestalten

Die Stiftung setzt bewusst auf Hilfe zur Selbsthilfe. Was bedeutet das konkret?

Wir möchten nichts einfach verschenken.

Wenn Menschen aktiv an einem Projekt mitarbeiten, Verantwortung übernehmen und eigene Ideen einbringen, entsteht eine ganz andere Verbindung. Wir nennen das Ownership.

Die Menschen sollen ein Projekt nicht nur nutzen, sondern langfristig tragen und weiterentwickeln können. Wissen soll weitergegeben werden, Fähigkeiten sollen wachsen und neue Möglichkeiten entstehen.

„Wir helfen Menschen nicht, indem wir ihnen etwas schenken. Wir helfen ihnen dabei, etwas selbst aufzubauen.“

Das ist der Kern unseres Ansatzes.

Nachhaltige Unterstützung braucht Zeit. Warum ist Geduld manchmal genauso wichtig wie Hilfe selbst?

Weil echte Veränderung Zeit braucht.

Wir arbeiten häufig mit Menschen, die nie Zugang zu Bildung hatten oder unter sehr schwierigen Bedingungen leben. Neue Wege müssen erklärt, verstanden und gemeinsam entwickelt werden.

Das erfordert Geduld auf beiden Seiten.

Wir müssen die Lebensrealitäten der Menschen verstehen, und die Menschen müssen verstehen, was wir gemeinsam erreichen wollen. Nachhaltige Entwicklung entsteht nicht über Nacht.

Wenn Veränderung sichtbar wird

Gibt es ein Projekt, das für Sie besonders zeigt, was Wirkung bedeuten kann?

Ein Projekt im Senegal begleitet uns seit vielen Jahren besonders intensiv.

Dort wurde ein Slum mit rund 2.000 Bewohnern schrittweise in ein menschenwürdiges Stadtviertel umgewandelt. Es entstanden Wohnungen mit Wasser- und Stromversorgung, Bildungsangebote, Gesundheitsversorgung und Möglichkeiten zur Einkommenssicherung.

Wichtig war dabei nicht nur die Infrastruktur. Die Menschen wurden von Anfang an einbezogen und dabei unterstützt, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Es entstanden Ausbildungsangebote, Kleingewerbe, Einkommensmöglichkeiten und neue Perspektiven für Familien.

„Für mich ist das ganzheitliche Entwicklung.“

Das Projekt dient inzwischen als Vorbild für weitere Vorhaben und zeigt, wie nachhaltige Entwicklung aussehen kann, wenn unterschiedliche Bereiche zusammengedacht werden.

Was berührt Sie an Ihrer Arbeit bis heute besonders?

Mich berührt, dass grundlegende Menschenwürde für viele Menschen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

Wenn Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, Bildung oder medizinischer Versorgung haben, obwohl wir im Jahr 2026 leben, dann bewegt mich das bis heute.

Gleichzeitig ist genau das mein Antrieb.

„Wir können die Welt nicht verändern. Aber wir können kleine Meilensteine setzen.“

Und genau diese kleinen Schritte können das Leben vieler Menschen verbessern.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Wie gelingt es Ihnen, Zuversicht zu behalten?

Indem ich überzeugt bin, dass Nichtstun keine Lösung ist.

Die Welt verändert sich schnell und neue Krisen entstehen ständig. Trotzdem darf man nicht aufhören, etwas zu tun.

Jeder kann einen Beitrag leisten. Vielleicht keinen großen, aber einen, der einen Unterschied macht.

Zuversicht entsteht für mich aus dem Wissen, dass Veränderung möglich ist – Schritt für Schritt.

Offenheit als Haltung

Was haben Kinder Sie selbst gelehrt?

Kinder begegnen anderen Menschen oft ohne Vorurteile.

Sie fragen nicht zuerst nach Herkunft, Sprache oder Kultur. Sie gehen aufeinander zu, spielen miteinander und finden Wege der Verständigung.

„Vielleicht sollten wir alle wieder ein bisschen Kind sein.“

Diese Offenheit, diese Neugier und dieser Mut, auf andere Menschen zuzugehen, beeindrucken mich immer wieder.

Was wünschen Sie sich gesellschaftlich im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die nicht die gleichen Chancen haben wie andere?

Ich wünsche mir mehr Offenheit und die Bereitschaft zuzuhören.

Hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte. Wer verstehen möchte, warum jemand in einer schwierigen Situation lebt, muss bereit sein, diese Geschichte kennenzulernen.

Menschlichkeit beginnt oft damit, einem anderen Menschen wirklich zuzuhören.

Wenn Sie jungen Menschen einen Gedanken mitgeben könnten – welcher wäre das?

Bleibt neugierig. Bleibt kritisch. Bleibt wissbegierig.

Die Welt verändert sich rasant. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und globale Entwicklungen werden unser Leben weiter prägen.

Deshalb wird es immer wichtiger, Informationen zu hinterfragen, selbst zu denken und lebenslang zu lernen.

„Nicht das Denken aufgeben.“

 

Mehr informationen über die YOU Stiftung finden sie hier: https://you-stiftung.de/