Wir müssen auf das Potenzial von Mädchen schauen – Ein Gespräch mit Sarah Pastor, Geschäftsführerin von ProMädchen e. V.
Nachdem Sarah Pastor bereits zu Gast im HirschburgFORUM war, besuchten wir sie nun vor Ort bei ProMädchen e. V. in Düsseldorf. Im Gespräch wurde schnell deutlich, wie sehr sich die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen in den vergangenen Jahren verändert hat und wie viel Verantwortung, Stabilität und professionelle Nähe diese Arbeit heute verlangt.
ProMädchen begleitet Mädchen und junge Frauen in belastenden Lebenssituationen – in Beratung, Prävention, Krisenunterbringung und offenen Angeboten. Viele Themen, die dort sichtbar werden, bleiben im Alltag oft unsichtbar: psychische Belastungen, Gewalt, familiäre Konflikte oder die Frage, wie junge Menschen überhaupt noch Orte finden, an denen sie sich sicher und ernst genommen fühlen können.
Seit 17 Jahren Teil von ProMädchen
Frau Pastor, wie würden Sie Ihre Rolle bei ProMädchen beschreiben?
„Ich bin die Geschäftsführerin und mittlerweile tatsächlich auch die Dienstälteste. Vor ein paar Wochen ist meine Kollegin in Rente gegangen, jetzt habe ich so ein bisschen das ‚kollektive Gedächtnis‘ von ProMädchen übernommen.“
Wie sind Sie damals zu der Arbeit gekommen?
„Eigentlich über eine Improvisationstheatergruppe. Meine damalige Anleiterin hat hier gearbeitet und fragte mich irgendwann, ob ich nicht als Aushilfe im Mädchentreff anfangen möchte. Damals war das Team noch sehr klein.
Ich war noch Studentin und habe zunächst eine Elternzeitvertretung übernommen und bin dann geblieben. Jetzt sind es inzwischen 17 Jahre.“
Die Themen sind deutlich schwerer geworden
Mit welchen Themen kommen die Mädchen heute zu Ihnen?
„Die Belastungen sind deutlich komplexer geworden. Früher war die Arbeit natürlich auch intensiv, aber anders. Da brauchte die eine Hilfe bei einer Bewerbung, die andere musste noch für einen Mathetest lernen oder wollte einfach etwas essen.
Heute erleben wir viel häufiger psychische Krisen, Selbstverletzungen oder Gewalterfahrungen. Viele Mädchen tragen unglaublich viel mit sich herum. Gleichzeitig merken wir natürlich auch, wie belastet viele Familien inzwischen sind – finanziell, emotional, organisatorisch. Das kommt alles bei den Mädchen an.“
Prävention als wichtiger Teil der Arbeit
Welche Rolle spielt Prävention bei ProMädchen?
„Prävention ist ein großer Teil unserer Arbeit. Wir machen unter anderem Selbstbehauptungskurse und beschäftigen uns mit Themen wie Gewalt, Grenzüberschreitungen, sozialen Medien und Rollenbildern.
Und gleichzeitig sagen die Mädchen oft sehr direkt: ‚Warum sagt eigentlich niemand den Jungs, dass sie das nicht machen sollen?‘“
Der digitale Raum als neue Herausforderung
Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?
„Eine große Rolle. Gerade dieser Druck zur Selbstoptimierung hat noch einmal stark zugenommen. Jugendliche bewerten sich ständig gegenseitig – Aussehen, Wirkung, Körper.
Gleichzeitig entstehen dort Rollenbilder und Trends, die sehr problematisch sind.“
Sarah Pastor beschreibt dabei auch den Einfluss männlicher Influencer und Rollenbilder, in denen Dominanz, Körperoptimierung und Abwertung anderer eine große Rolle spielen.
„Das alles mitzubekommen und gemeinsam mit den Jugendlichen einzuordnen, gehört heute ganz selbstverständlich zur Arbeit dazu.“
„Diese Arbeit braucht hohe Professionalität“
Was wird aus Ihrer Sicht oft unterschätzt?
„Wie anspruchsvoll diese Arbeit geworden ist. Früher konnte man als Studentin einen offenen Treff noch relativ gut alleine begleiten. Heute braucht es hochqualifizierte Fachkräfte.
Die Kolleginnen müssen einschätzen können: Was kann ich noch selbst halten? Wann brauche ich weitere Hilfen? Wann muss vielleicht sogar ein Rettungswagen gerufen werden?
Dafür braucht es Erfahrung, Fortbildungen und stabile Rahmenbedingungen. Und natürlich finanzielle Sicherheit.“
Ein Ort, der erreichbar bleiben muss
Sie stehen aktuell auch vor einer räumlichen Herausforderung?
„Ja, unsere Beratungsstelle hat die Kündigung erhalten und wir müssen bis Ende September neue Räume finden.
Das Schwierige ist: Die Angebote müssen zentral erreichbar bleiben. Gerade Mädchen und junge Frauen brauchen niedrigschwellige Orte, die sie gut erreichen können.
Wir suchen jetzt schon seit Monaten. Und natürlich merken wir auch, wie schwierig es geworden ist, passende und bezahlbare Räume für soziale Arbeit zu finden.“
Übergänge begleiten
Welche Entwicklung wünschen Sie sich für ProMädchen?
„Ein großer Wunsch wäre, Mädchen nach Krisensituationen noch länger begleiten zu können.
Wir haben eine Krisenunterbringung für Mädchen, die schnell aus Gefahrensituationen heraus müssen. Aber danach entsteht oft wieder ein Bruch.
Deshalb wünschen wir uns Übergangsangebote oder Trainingswohnungen, damit Mädchen nach einer Krise nicht direkt wieder den nächsten Halt verlieren.“
„Wir müssen auf Potenziale schauen“
Was ist Ihnen in der Arbeit mit Mädchen besonders wichtig?
„Dass wir nicht nur auf Probleme oder Defizite schauen. Mädchen haben unglaublich viele Fähigkeiten und Potenziale.
Wenn junge Frauen Unterstützung, Schutz und Möglichkeiten bekommen, können sie sehr viel entwickeln. Darauf sollte der Blick viel stärker liegen.“
Ein Gedanke, der bleibt
Wenn Sie einen Gedanken zur Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen weitergeben könnten – welcher wäre Ihnen wichtig?
„Mädchenarbeit braucht Geld und verlässliche Strukturen. Gleichzeitig braucht es aber auch gute emanzipatorische Jungenarbeit und positive männliche Vorbilder.
Viele der Rollenbilder, die Jugendliche heute sehen, drehen sich stark um Dominanz und Selbstoptimierung. Dabei braucht es auch Männer, die Jungen zeigen, dass Männlichkeit genauso bedeuten kann, respektvoll zu sein und andere zu verstehen.
Und gleichzeitig müssen wir bei Mädchen stärker auf ihre Potenziale schauen – und nicht immer nur auf Defizite.“
Mehr zu der Arbeit von Pro Mädchen e.V. finden Sie hier https://www.promaedchen.de/



