Ein offener Ort für alle: Davinder Singh, Vorstand des Café Grenzenlos e.V., im Gespräch
Wir sitzen mitten im Café Grenzenlos. Tassen klappern, Menschen kommen herein, begrüßen sich, setzen sich dazu. Kein abgeschlossener Raum für ein Interview, sondern ein offener Ort des Alltags. Das Café Grenzenlos ist Treffpunkt, Essensort und sozialer Raum zugleich. Viele der Gäste leben mit sehr wenig Einkommen oder in prekären Lebenslagen. Hier finden sie einen Platz, eine warme Mahlzeit, ein Gespräch und vor allem das Gefühl, dazuzugehören.
Davinder Singh beschreibt das Café als einen Raum der Kommunikation, offen für alle, unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Lebenssituation. Bereits zuvor war er zu Gast im HirschburgFORUM. Auch dort ging es um Würde, Teilhabe und Begegnung auf Augenhöhe.
Mehr zum Café Grenzenlos: https://www.grenzenlosev.de/
Der Ort Café Grenzenlos
Herr Singh, wie würden Sie das Café Grenzenlos für Menschen beschreiben, die diesen Ort nicht kennen?
„Café Grenzenlos ist für mich in erster Linie ein Ort der Kommunikation. Ein Ort, an dem ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen können, sich kennenlernen, miteinander essen und miteinander ins Gespräch kommen. Uns war von Anfang an wichtig, dass wir die Menschen nicht vergessen, denen es nicht so gut geht, die oft am Rand der Gesellschaft stehen und wenig Teilhabe erfahren. Hier sollen sie dazugehören – ganz selbstverständlich.“
Haltung und Alltag
Was passiert hier zwischen den Menschen – jenseits von Beratung oder Hilfe?
„Wenn Menschen hier hereinkommen, sehen sie oft jemanden, den sie kennen. Dann setzt man sich dazu, grüßt sich, kommt ins Gespräch. Es entsteht eine offene, freundliche Atmosphäre. Viele Menschen sind hier spürbar fröhlicher. Für einen Moment können sie ihre Sorgen und ihren Alltag hinter sich lassen – und einfach Mensch sein.“
Welche Rolle spielt Würde in Ihrer Arbeit?
„Eine ganz zentrale. Wir geben keine Almosen. Die Würde des Menschen ist unser höchstes Gut. Mir ist wichtig, dass niemand hier das Gefühl hat, abhängig zu sein oder sich rechtfertigen zu müssen. Alle, die hierherkommen, sollen sich auf Augenhöhe begegnen können.“
Begegnung, die bleibt
Gibt es eine Begegnung, die Sie besonders berührt hat?
„Ja. Eine ältere Frau kam zu uns und sagte, dass sie nicht mehr lesen könne, weil sie sich keine Brille leisten konnte. Das hat mich sehr bewegt. Wir haben dann versucht, jemanden zu finden, der die Brille finanziert. Und eines Tages stand sie wieder vor mir und sagte ganz stolz: ‚Gucken Sie mal, ich kann wieder lesen.‘ In diesem Moment wusste ich: Das, was wir hier tun, ist richtig.“
Beratung und Grenzen
Welche Unterstützung bieten Sie hier konkret an?
„Wir haben hier einen Sozialpädagogen, der unsere Gäste bei ganz praktischen Dingen unterstützt – zum Beispiel bei Anträgen auf Wohngeld oder Grundsicherung. Viele Menschen haben keinen Internetzugang, keine E-Mail-Adresse oder fühlen sich von behördlichen Schreiben überfordert. Dann nehmen wir uns Zeit, erklären die Briefe, schreiben gemeinsam Antworten oder telefonieren. Diese Begleitung ist für viele sehr entlastend.“
Wo stoßen Sie dabei an Grenzen?
„Vor allem bei psychischen Erkrankungen. Wir sind keine Therapeuten und können das auch nicht ersetzen. In solchen Situationen versuchen wir, die Menschen zunächst zu stabilisieren und sie dann an passende Beratungsstellen weiterzuvermitteln. Es gehört zur Verantwortung, die eigenen Grenzen zu kennen.“
Integration im gelebten Sinn
Was bedeutet Integration für Sie – hier im Café?
„Integration passiert hier ganz selbstverständlich im Alltag. Wir reservieren keine Plätze. Jeder sitzt dort, wo Platz ist, und kommt automatisch mit anderen ins Gespräch. Ob jemand aus Düsseldorf kommt oder von weiter her, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir respektvoll miteinander umgehen.“
Demokratie und Verantwortung
Welche Rolle spielt Demokratie in Ihrer Arbeit?
„Eine sehr große. Wir laden immer wieder Politikerinnen und Politiker ein, hier mitzukochen, zu servieren und mit den Gästen zu sprechen. Nicht auf Podien, sondern ganz normal am Tisch. Demokratie lebt davon, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Demokratie ohne Demokraten gibt es nicht.“
Wo sehen Sie Ihre eigene Verantwortung?
„Ich bin selbst aus Indien nach Deutschland gekommen und habe hier viel Unterstützung erfahren. Dieses Land hat mir viel gegeben. Daraus entsteht für mich ganz selbstverständlich die Verantwortung, etwas zurückzugeben. Wenn Menschen sich nicht ernst genommen fühlen, verlieren sie das Vertrauen – und genau dem möchten wir hier etwas entgegensetzen.“
Verbindung zum HirschburgFORUM
Was hat Sie an der Einladung ins HirschburgFORUM angesprochen?
„Mich haben vor allem die Werte angesprochen: Menschlichkeit, Respekt und Begegnung auf Augenhöhe. Das habe ich dort sehr deutlich gespürt. Diese Haltung verbindet sich für mich gut mit dem, was wir hier im Café Grenzenlos leben.“
Ausklang
Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft dieses Ortes?
„Ich wünsche mir, dass man uns eines Tages nicht mehr braucht. Dass Menschen ohne Sorgen und Ängste leben können. Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass dieser Ort als Treffpunkt bestehen bleibt – als Raum für Begegnung.“
Welchen Gedanken möchten Sie Menschen mitgeben, die sich engagieren möchten?
„Soziales Engagement macht glücklich. Es bringt die Seele ins Gleichgewicht – nicht nur für die anderen, sondern auch für einen selbst.“



