Was nach der Tat zählt – Maria Schnelle vom WEISSEN RING e. V. Düsseldorf

Eine Straftat kann das Leben von einem Moment auf den anderen verändern. Der WEISSE RING e. V. steht Betroffenen zur Seite, hört zu und vermittelt konkrete Hilfe. Maria Schnelle ist hauptberuflich als Juristin tätig und engagiert sich seit 2006 ehrenamtlich für den Verein. Als stellvertretende Leiterin der Außenstelle Düsseldorf erzählt sie von Begegnungen, die ihr in Erinnerung geblieben sind, und davon, warum sie sich auch nach 20 Jahren mit Herzblut für die Opferhilfe einsetzt.

„Wir hören erst einmal zu“

Frau Schnelle, was macht die Arbeit des WEISSEN RINGS für Sie besonders?

Der WEISSE RING wurde 1976 gegründet, unter anderem von Eduard Zimmermann. Die Idee dahinter war: Wenn jeder den Täter jagt, wer ist dann bei den Opfern? Denn jeder kann jederzeit Opfer werden. Das Besondere an unserer Arbeit ist für mich, dass wir erst einmal zuhören. Betroffene sind sonst häufig in der Situation, sich rechtfertigen zu müssen. Wenn sie zu uns kommen, sagen wir: „Wir glauben Ihnen.“ Das ist für viele zunächst eine große Erleichterung. Außerdem können wir auch finanziell unterstützen.

Wie sieht diese Hilfe konkret aus?

Das ist sehr unterschiedlich. In akuten Notlagen können wir schnell Soforthilfe leisten. Denken Sie an eine Mutter, die nach häuslicher Gewalt mit ihren drei Kindern die Wohnung verlässt und zunächst nicht weiß, wie sie den nächsten Einkauf bezahlen soll. Daneben gibt es beispielsweise Anwaltsschecks sowie Unterstützung bei Umzugskosten oder Sicherheitsmaßnahmen. Wir begleiten Betroffene auch zur Strafanzeige, zum Anwalt oder zum Gerichtsverfahren und helfen bei Anträgen. Dabei sind wir oft eine Art Lotse im Netzwerk: Wir schauen, was die Menschen brauchen, und vermitteln sie an die passenden Stellen. In Düsseldorf arbeiten wir eng mit der Polizei, der Traumaambulanz und Beratungsstellen zusammen.

Wenn die Sicherheit plötzlich weg ist

Was wird an den Folgen einer Straftat häufig unterschätzt?

Vor allem die psychische Belastung. Jeder kann jederzeit Opfer werden, und niemand weiß vorher, wie er darauf reagieren würde. Selbst nach einem Wohnungseinbruch, bei dem manche vielleicht sagen: „Was soll’s?“, kann das Sicherheitsgefühl plötzlich verschwinden. Da war jemand in meiner Wohnung. Kommt er wieder? Jeder Mensch geht anders damit um. Man wird von einem Augenblick auf den anderen aus seinem bisherigen Leben gerissen.

Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Da denke ich an eine ältere Dame, die vor ihrer Haustür überfallen wurde. Ich habe sie und ihren Mann kennengelernt, und wir hatten sofort einen guten Kontakt. Wir halfen bei der Klärung mit den Versicherungen und boten therapeutische Unterstützung an. Doch die Tat hat sie bis zu ihrem Tod nicht losgelassen. Über die Jahre habe ich sie immer wieder besucht. Irgendwann saßen wir bei Kaffee und Kuchen zusammen und sprachen auch über unsere Familien. Einmal sagte sie zu mir: „Frau Schnelle, jeden Tag denke ich an Sie.“ Das hat mich zunächst überrascht. Sie erklärte, dass sie jeden Tag an die Tat denken müsse, mal stärker, mal weniger stark. Und dabei denke sie auch daran, wie ich ihr geholfen habe. Das hat mich sehr berührt. Da habe ich gedacht: Ja, das bewirkt Opferhilfe. Dass Menschen sich aufgehoben fühlen.

Was ein gutes Netzwerk bewirken kann

Sie haben auch Betroffene nach der Kioskexplosion in Düsseldorf begleitet. Was war daran besonders?

Einen solchen Fall hatten wir in meinen 20 Jahren noch nicht erlebt. Es gab Todesopfer und viele Menschen, deren Wohnungen nicht mehr bewohnbar waren. Manche standen praktisch vor dem Nichts und hatten nur noch das, was sie am Leib trugen. Beeindruckend war, wie gut die Zusammenarbeit funktionierte: mit der Polizei, der Traumaambulanz, der Nachbarschaftshilfe und der Stiftung Opferhilfe Düsseldorf. Wir unterstützten bei Anträgen, Bestattungskosten, Umzügen und vielen weiteren Dingen. Das war sehr viel Arbeit und ein Fall, den ich nicht vergessen werde. Einige Betroffene haben sich später noch einmal bei mir gemeldet, um sich zu bedanken. Daran sieht man, wie viel diese Hilfe bewirken kann.

Was können Angehörige tun, wenn jemand eine Straftat erlebt hat?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Der eine möchte mit seiner Familie gar nicht darüber sprechen, der andere fragt sich, warum niemand mit ihm redet. Angehörige können ihre Hilfe anbieten und sagen: „Wir unterstützen dich.“ Letztlich muss der betroffene Mensch aber selbst entscheiden. Wenn jemand erzählt, was ihm passiert ist, ist das bereits ein großer Vertrauensbeweis. Darauf sollte man ruhig und behutsam eingehen.

„Ich habe es bis heute nie bereut“

Wie sind Sie selbst 2006 zum WEISSEN RING gekommen?

Ich habe Jura studiert, Strafrecht war mein Wahlfach. Während meines Referendariats habe ich auch bei Strafverteidigern gearbeitet. Dabei wurde mir klar: Das Thema interessiert mich sehr, aber ich möchte die andere Seite vertreten. So bin ich zum WEISSEN RING gekommen. Ich habe es bis heute nie bereut und mache diese Arbeit nach wie vor mit Herzblut. Jeder Fall ist anders. Man begegnet ganz unterschiedlichen Menschen und Schicksalen. Und es erstaunt mich immer wieder, wie bewundernswert manche Menschen mit dem umgehen, was ihnen passiert ist.

Was nehmen Sie persönlich aus diesen Begegnungen mit?

Vor allem eine große Dankbarkeit. Wenn ich nach einem solchen Besuch nach Hause komme, denke ich manchmal: Maria, egal welche kleinen Probleme du gerade hast, es kann sehr viel schlimmer sein. Von einem Moment auf den anderen kann sich das ganze Leben verändern. Gleichzeitig erfährt man selbst viel Dankbarkeit, manchmal einfach dafür, dass man da war, zugehört und bei Anträgen geholfen hat.

Ehrenamt und ein Blick nach vorn

Was sollten Menschen mitbringen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten?

Vor allem Zeit, Empathie und eine gewisse innere Stabilität. Man hört viele belastende Geschichten. Natürlich nimmt einen das als Mensch mit, aber man muss diese Erlebnisse auch verarbeiten können. In Düsseldorf haben wir rund 25 Ehrenamtliche mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Eine gute Ausbildung ist uns sehr wichtig, mit Hospitationen, Seminaren und regelmäßigen Fortbildungen. Ohne Ehrenamtliche gäbe es diese Opferarbeit nicht.

Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf für Betroffene?

In den vergangenen 50 Jahren hat sich viel getan. Dennoch ist der Strafprozess nach wie vor stark auf den Täter ausgerichtet. Wir setzen uns dafür ein, dass Opfer stärker berücksichtigt werden. Besonders wichtig ist mir, dass Kinder nach Gewalterfahrungen die therapeutische Hilfe bekommen, die sie brauchen. Das Wohl des Kindes muss an erster Stelle stehen. Auch die Prävention bleibt wichtig, etwa bei Betrugsmaschen gegen ältere Menschen oder Gewalt in der Pflege. Dazu gehen wir in Einrichtungen und Schulen und sind auf Veranstaltungen präsent.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Am schönsten wäre es natürlich, wenn es keine Straftaten mehr gäbe. Dann bräuchten wir auch den WEISSEN RING nicht mehr. Aber wir können den Strafprozess verändern, die Prävention stärken und öffentlich immer wieder auf die Situation der Opfer aufmerksam machen. Der WEISSE RING stellt deshalb auch politische Forderungen. Wenn man auf die vergangenen 50 Jahre zurückblickt, sieht man, dass doch einiges erreicht wurde.