Wo aus Hilfe Begegnung wird – Eva Fischer über die Tafel Düsseldorf und ihre Menschen
„Lebensmittel retten, Menschen helfen“
Frau Fischer, wie würden Sie die Tafel Düsseldorf jemandem beschreiben, der sie bisher nur
vom Namen her kennt?
Die Tafeln in Deutschland haben einen Leitsatz: „Lebensmittel retten, Menschen helfen.“ Ich finde, diese vier Worte beschreiben die Tafel sehr gut. Das ist der Kern, die DNA der Tafel, auch hier in Düsseldorf. Wir retten jede Woche rund 50 Tonnen Lebensmittel und geben sie an Menschen weiter, die von Armut betroffen oder auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sind. Momentan unterstützen wir damit rund 10.000 Menschen pro Woche in Düsseldorf.
Wer kommt heute zur Tafel und wie hat sich das verändert?
Als die Tafel Düsseldorf vor rund 32 Jahren gegründet wurde, waren es vor allem wohnungslose Menschen, die wir unterstützt haben. Heute kommen viele Familien, Alleinerziehende, Rentner, häufig Frauen mit Grundsicherung, aber auch Menschen mit Migrationsgeschichte zu uns. Es sind Menschen, die mit dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, nicht auskommen. Dabei ist mir wichtig: Es wäre falsch zu sagen, ohne die Tafel müssten diese Menschen hungern. Deutschland hat ein vergleichsweise gutes Sozialsystem. Aber die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen und viele Menschen haben kaum finanziellen Spielraum. Wenn sie Lebensmittel von der Tafel erhalten, bleibt Geld für andere Dinge übrig: vielleicht für den Sportverein der Kinder oder eine notwendige Reparatur. Armut hat viele Seiten.
Düsseldorf gilt als wohlhabende Stadt. Welche Realität erleben Sie bei der Tafel?
Düsseldorf ist sicherlich eine wohlhabende Stadt, aber eben auch eine große und teure Stadt. Menschen, die wenig Geld haben, müssen trotzdem die Mieten bezahlen, die hier auf dem Markt verlangt werden. Auch Freizeitangebote sind teuer. Wohlstand hat deshalb immer zwei Seiten. In Düsseldorf leben viele Menschen, die nicht wohlhabend sind, sich dieses teure Düsseldorf aber trotzdem leisten müssen.
Sie haben gesagt, dass Armut nicht nur eine finanzielle Seite hat. Was erleben Sie in den Ausgabestellen?
Wenn man finanziell arm ist, ist man häufig auch arm an sozialen Kontakten. Das begegnet mir bei der Tafel oft. Genau deshalb finde ich die Idee der Tafel so sinnvoll. Auf der einen Seite retten wir Lebensmittel und geben sie an Menschen weiter, die sie brauchen. Aber die Tafel ist viel mehr. In unseren Ausgabestellen entstehen Begegnungen. Menschen treffen andere, die ähnliche Probleme und Sorgen haben, können sich austauschen und bekommen eine Struktur. In jeder Ausgabestelle gibt es außerdem eine Sozialberatung. In vielen haben wir mittlerweile Sozialcafés oder Mittagessensangebote. Die Menschen können sich hinsetzen, einen Kaffee trinken und miteinander ins Gespräch kommen. Manchmal geht es einfach darum, sich unterhalten zu können.
Teilhabe beginnt in der Schule
Eine wichtige Säule Ihrer Arbeit ist die Kindertafel. Was verbirgt sich dahinter?
Der Begriff Kindertafel ist vielleicht ein wenig irreführend, denn es ist nicht so, dass Kinder zu uns kommen und hier Lebensmittel bekommen. Die Kindertafel ist ein Spendenprojekt. Wir unterstützen damit von Armut betroffene Kinder in Schulen. Wir finanzieren Schulmittagessen und Schulfrühstück, aber auch Dinge, die Kinder brauchen, um ganz normal am Schulalltag teilnehmen zu können: Fahrkarten, Schulranzen, Nachhilfe oder manchmal Kleidung. Wir ermöglichen Museums- und Theaterbesuche, unterstützen Klassenfahrten oder helfen dabei, Räume in Schulen auszustatten. Uns ist sehr wichtig, dass die Unterstützung anonym und nicht stigmatisierend erfolgt. Sie läuft über Sozialarbeiter oder Schulleitungen. Oft weiß das Kind selbst gar nicht, dass die Unterstützung von der Kindertafel kommt – und die Mitschüler erst recht nicht. Kinder aus armutsbetroffenen Familien sollen nicht ausgegrenzt werden.
Was kann die Kindertafel damit über die unmittelbare Hilfe hinaus bewirken?
Bildung ist für mich ein ganz entscheidender Weg, um aus einer Armutsfalle herauszukommen, in der sich manche Familien schon seit Generationen befinden. Natürlich können wir das mit der Kindertafel nicht lösen. Aber wir können einen kleinen Beitrag leisten. Dafür braucht es sehr engagierte Lehrer und Sozialarbeiter, die aufmerksam hinschauen, erkennen, wo Unterstützung notwendig ist, und diese Projekte umsetzen.
Fast 500 Menschen, die ihre Zeit schenken
Wer engagiert sich heute ehrenamtlich bei der Tafel Düsseldorf?
Wir haben in Düsseldorf fast 500 Ehrenamtliche. Viele haben ihr Berufsleben bereits hinter sich, sind noch fit und suchen eine Aufgabe. Manche sagen ganz bewusst: Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Andere brauchen nach dem Berufsleben wieder eine Struktur und feste Termine in der Woche. Gerade im Fahrdienst ist die Arbeit körperlich anspruchsvoll. Am Ende einer Tour kann ein Fahrzeug mit einer Tonne Ware beladen sein. Gleichzeitig haben wir eine schöne Gemeinschaft. Wenn die Fahrer von ihren Touren zurückkommen, sitzen alle beim Mittagessen zusammen. Die Hilfe ist außerdem sehr unmittelbar. Die Ehrenamtlichen sehen die Lebensmittel, die sie retten, und sie sehen die Menschen, die darauf warten. Ich glaube, genau das gefällt vielen an diesem Engagement. Inzwischen kommen auch Studenten oder Menschen zu uns, die zwischen zwei beruflichen Stationen Zeit haben. Auch Corporate Volunteering wird immer wichtiger.
Die Zukunft der Tafel
Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen?
Die Menge der Lebensmittel schwankt inzwischen stark. Perspektivisch gehe ich davon aus, dass die Überschüsse zurückgehen werden. Die großen Handelsketten arbeiten zunehmend mit KI-gestützten Bestellsystemen und auch das Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung ist gewachsen. Dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden, ist zunächst etwas Gutes. Für die Tafeln bedeutet es aber auch, dass wir überlegen müssen, wie wir uns künftig definieren. Vielleicht wird der Schwerpunkt Begegnung noch wichtiger. Wir unterstützen beispielsweise bereits Seniorentische in Rath, Garath und teilweise in Gerresheim. Dort kommen von Armut betroffene ältere Menschen mehrmals in der Woche zusammen und erhalten ein Mittagessen. Uns ist wichtig, dass Menschen, die im Alter einsam sind, einen Ort haben, an dem sie andere treffen können.
Was möchten Sie in den kommenden Jahren noch erreichen?
Ich möchte die Beratung und Begegnung in unseren Ausgabestellen weiter ausbauen. Außerdem möchten wir kleinere Tafeln im Umland stärker unterstützen, weil sie nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie wir in Düsseldorf. Ein weiteres großes Thema sind Räume. Wenn wir Ausgabestellen stärker zu Begegnungsstätten entwickeln möchten, brauchen wir geeignete und möglichst feste Orte.
Was bedeutet die Verantwortung als Vorsitzende für Sie persönlich?
Ich spüre schon eine große Verantwortung. Gleichzeitig habe ich hier ein großartiges Team, in dem alle sehr engagiert sind. Ich habe nicht das Gefühl, damit alleine zu stehen. Die Tafel ist für mich positiv aufgeladen. Es ist einfach sinnvoll, was wir tun. Und ich möchte, dass das auch so bleibt. Die Menschen, die zu uns kommen, die Ehrenamtlichen und unsere Spender sollen der Tafel vertrauen können. Sie sollen wissen, dass wir verantwortungsvoll mit den Spenden umgehen und sie richtig einsetzen.
Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ganz viele. Aber ich erinnere mich an einen Mann, den ich vor einigen Jahren in einer Ausgabestelle kennengelernt habe. Er war arbeitslos und froh, dass er in dieser Zeit zur Tafel kommen konnte. Wir haben uns damals länger unterhalten. Etwa zwei Jahre später stand er plötzlich hier im Türrahmen und brachte mir 50 Euro in einem Briefumschlag. Er hatte wieder einen Job und sagte, er erinnere sich immer daran, wie ihn die Tafel unterstützt habe. Jetzt wollte er ein bisschen davon zurückgeben. Das fand ich sehr schön.
Hinschauen hilft
Früher sagten Sie, die schönste Schlagzeile wäre eine Tafel, die nicht mehr gebraucht wird. Sehen Sie das heute noch genauso?
Nein, wahrscheinlich würde ich ihn heute so nicht mehr formulieren. Natürlich wäre es schön, wenn es keine von Armut betroffenen Menschen mehr gäbe. Aber ich weiß mittlerweile auch, wie unrealistisch das ist. Und wenn es keine Tafel mehr gäbe, gäbe es auch diesen Ort für das Ehrenamt, für Begegnung und für gerettete Lebensmittel nicht mehr. Vielleicht wäre mein Wunsch heute eher, dass Menschen irgendwann stärker aus der Motivation zur Tafel kommen, gerettete Lebensmittel sinnvoll zu verwenden – und nicht nur aus einer Notlage heraus.
Und wenn Sie den Satz vervollständigen: „Hinschauen hilft, weil …“?
Weil es noch niemandem geholfen hat, die Augen zu schließen. Die Realität wird nicht eine andere, nur weil ich die Augen davor verschließe.

Sabine Rütten
