Wenn Verantwortung konkret wird – Ein Gespräch mit Winnie Bürger, Vorsitzende des Tierschutzvereins Düsseldorf

Ein Tierheim ist ein Ort, den viele kennen – oft verbunden mit schnellen Bildern: Tiere hinter Gittern, ein kurzer Besuch, vielleicht der Gedanke an Adoption.

Nach einem persönlichen Austausch im HirschburgFORUM hatten wir die Gelegenheit, Winnie Bürger, Vorsitzende des Tierschutzvereins Düsseldorf, vor Ort im Tierheim zu besuchen und mit ihr zu sprechen.

Doch was sich hinter den Türen wirklich abspielt, bleibt meist unsichtbar – ein Alltag zwischen Fürsorge, Überforderung und Verantwortung, die niemand leicht trägt.

Im Gespräch gibt Winnie Bürger Einblick in diese Realität und in eine Arbeit, die weit über das hinausgeht, was man auf den ersten Blick sieht.

„Man trägt Verantwortung für alles“

Frau Bürger, wie würden Sie Ihre Rolle als Vorsitzende beschreiben?

Man ist eine Mischung aus Organisator, Controller, Psychologe und Kreativer. Am Ende trägt man die Verantwortung für alles – vom kleinsten Tier bis zum größten Kostenfaktor.

Was hat Sie dazu bewegt, diese Aufgabe zu übernehmen?

Die Leidenschaft für Tiere. Wir Menschen sind die einzigen, die ihre Lebensbedingungen verbessern können. Genau das möchte ich tun.

Ein anderer Blick auf Tiere

Gab es einen Moment, der Ihren Blick besonders geprägt hat?

Als ich mit der konventionellen Landwirtschaft zu tun hatte. Mir wurde bewusst, wie unterschiedlich wir Tiere behandeln – obwohl sie alle fühlende Lebewesen sind. Diese Diskrepanz hat mich erschreckt.

Mehr als ein Tierheim

Wofür steht der Verein heute?

Wir unterscheiden nicht zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Tieren. Neben der Arbeit im Tierheim engagieren wir uns für viele Themen, z.B.  für Stadttauben, Nutztiere oder Tiere in Versuchslaboren.

Was viele nicht sehen: Hinter den Gittern steckt enorme Fürsorge. Mitarbeitende investieren Zeit, Geduld und Kraft, um Vertrauen aufzubauen und Tiere wieder vermittelbar zu machen.

Wenn Tiere zur Belastung werden

Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell?

Viele sogenannte Qualzuchten – Tiere, die Trends entsprechen, aber gesundheitlich leiden.

Und: Immer mehr Tiere werden unüberlegt online gekauft. Wenn Probleme auftreten, landen sie im Tierheim.

Ein System am Limit

Warum stoßen Tierheime an ihre Grenzen?

Es kommen mehr Tiere – und gleichzeitig komplexere Fälle. Viele sind traumatisiert oder schwer vermittelbar.

Gleichzeitig steigen die Kosten massiv: Energie, Tierarzt, Personal. Und Spenden gehen zurück.

Was Tiere über uns erzählen

Was sagen diese Entwicklungen über unsere Gesellschaft?

Empathie und Verantwortung haben nachgelassen. Viele wollen ein Tier – sofort.

Aber wenn es nicht „funktioniert“, wird es abgegeben. Tiere werden benutzt – und ersetzt.

Verantwortung beginnt vorher

Was müsste sich ändern?

Menschen müssten sich vor der Anschaffung intensiver informieren.

Passt das Tier zu meinem Leben? Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen – ein ganzes Leben lang? Ohne diese Fragen sollte man kein Tier anschaffen.

Ein Ort, der mehr ist als Versorgung

Welche Bedeutung hat das Tierheim für Sie persönlich?

Als Kind wollte ich einen Ort schaffen, an dem Tiere, die keiner will, geliebt werden.

Heute gibt es diesen Ort. Und die Tiere werden von vielen Menschen hier getragen.

Eine Geschichte, die bleibt

Können Sie eine Geschichte teilen, die beispielhaft für Ihre Arbeit im Tierheim steht?

Eine besonders berührende Erinnerung ist der Hund Yaman. Über acht Jahre lebte er im Tierheim – unvermittelbar, aber umsorgt.

Als er schwer krank wurde, bereiteten ihm die Pfleger einen letzten Moment: eine „Torte“ aus seinen Lieblingsspeisen, ein Platz in der Sonne, umgeben von den Menschen, die ihn begleitet hatten.

Er schlief ruhig ein.

Das zeigt: Es geht hier um weit mehr als Versorgung.

Was sind die nächsten Schritte?

Die Lebensbedingungen weiter verbessern, Projekte ausbauen und finanzielle Stabilität sichern.

Eine Einladung

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Mehr Bewusstsein für Tierschutz – und die Anerkennung dieser Arbeit.

Und wenn Sie Menschen direkt ansprechen könnten?

Nehmen Sie sich Zeit, Tiere zu beobachten.

Sie werden sehen: Tiere empfinden Schmerz, Angst, Freude und Zuneigung – genau wie wir.

Wir sind ihnen nicht überlegen. Wir sind nur anders.

 

Weitere Informationen zum Tierheim finden Sie hier: https://tierheim-duesseldorf.de/de/