Vom Gehören und vom Dazugehören
Vom Gehören und vom Dazugehören
Ein alter Mann trug einen großen Schlüsselbund bei sich.
Den Schlüssel zur Haustür. Den zum Keller. Den zum Briefkasten. Den zur Garage.
Seit dreißig Jahren wohnte er in demselben Haus.
Im Erdgeschoss war vor einigen Monaten eine junge Familie eingezogen. Eines Tages begegnete er dem kleinen Sohn im Treppenhaus. Der Junge saß auf den Stufen und malte ein Bild.
„Was malst du da?“, fragte der Mann.
„Unser Haus.“
Auf dem Blatt waren Fenster, eine Tür, ein Baum und mehrere Menschen zu sehen.
„Und wer ist das?“, fragte der Mann und zeigte auf eine kleine Figur am Rand.
Der Junge sah ihn erstaunt an.
„Na, du.“
Der Mann schwieg einen Moment.
Seit dreißig Jahren hatte er einen Schlüssel zu diesem Haus.
Aber noch nie hatte ihn jemand mit hineingemalt.
Man kann zu etwas gehören, weil man es besitzt, weil man dort wohnt oder weil der eigene Name irgendwo verzeichnet ist.
Dazuzugehören ist etwas anderes.
Es entsteht dort, wo jemand an uns denkt. Wo wir fehlen würden, wenn wir nicht da wären. Wo unsere Anwesenheit für einen anderen Menschen einen Unterschied macht.
Ein Schlüssel kann eine Tür öffnen. Ein anderer Mensch kann uns zeigen, dass wir angekommen sind.
Frau Hirschburg



Sabine Rütten