Das Glas Wasser
Das Glas Wasser
Ein älterer Mann saß jeden Nachmittag auf derselben Bank im Park.
Man kannte ihn vom Sehen. Er grüßte freundlich, las manchmal Zeitung und ging nach einer Weile wieder nach Hause.
An einem besonders heißen Tag saß er dort länger als sonst.
Eine Frau kam vorbei und bemerkte ihn. Sie ging weiter.
Vielleicht wartet er auf jemanden, dachte sie. Vielleicht möchte er einfach seine Ruhe haben. Man soll sich schließlich nicht überall einmischen.
Eine halbe Stunde später kam sie auf demselben Weg zurück.
Der Mann saß noch immer dort.
Sie ging wieder an ihm vorbei.
Nach einigen Schritten ärgerte sie sich über sich selbst, kehrte um und kam wenig später mit einem Glas Wasser zurück.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie.
Der Mann sah überrascht auf und lachte.
Er hatte sich beim Spaziergang Blasen gelaufen und wartete auf seine Frau, die ihn mit dem Auto abholen wollte.
Das Wasser brauchte er eigentlich nicht.
Er trank es trotzdem.
Sie kamen ins Gespräch.
Sein Name war Paul.
Nicht jede Frage führt zu einer großen Geschichte. Und nicht jede Sorge muss sich im Nachhinein als notwendig erweisen.
Vielleicht muss Anteilnahme auch gar nicht durch eine Rettung gerechtfertigt werden.
Manchmal genügt es, wenn ein Mensch weiß, dass er gesehen wurde.
Vielleicht beginnt das Gegenteil von Gleichgültigkeit mit dem Mut, sich auch einmal zu irren.
Frau Hirschburg



