Eine Handvoll Erde
Eine Handvoll Erde
Ein Mann bekam zum Geburtstag ein kleines Säckchen mit Wildblumensamen.
Es war Februar, draußen lag noch Frost. Also legte er das Säckchen in eine Schublade und wartete auf den Frühling.
Im März las er nach, welche Erde die richtige sei, wie viel Licht die Blumen brauchten und wann der beste Zeitpunkt zum Säen wäre. Danach legte er das Säckchen wieder zurück.
Im April hatte er viel zu tun.
Im Mai erschien ihm sein Balkon plötzlich zu klein.
Und im Juni dachte er, nun sei es wahrscheinlich ohnehin zu spät.
Gegenüber wohnte eine Frau ohne Balkon. Vor ihrem Fenster stand nur ein alter Emailletopf mit etwas Erde darin. Eines Tages sah er, wie sie drei Samen hineinlegte.
„Ist das nicht zu wenig Platz?“, fragte er.
Sie sah auf den kleinen Topf und sagte:
„Für einen Anfang vielleicht genug.“
Einige Wochen später zeigten sich die ersten grünen Spitzen. Im Juli blühte darin eine einzige Kornblume, blau vor dem grauen Pflaster und der Hauswand.
Der Mann öffnete seine Schublade und holte das Säckchen mit den Wildblumensamen heraus.
Hoffnung ist ein großes Wort. Manchmal klingt es fast zu schön.
Vielleicht sollten wir sie deshalb kleiner denken.
Als eine Handvoll Erde. Als den Mut, etwas zu beginnen, ohne zu wissen, was daraus wird. Als die Bereitschaft, einem Samen anzuvertrauen, was wir selbst noch nicht sehen können.
Nicht jeder Anfang wird eine Wiese. Aber keine Wiese beginnt ohne einen Anfang.
Frau Hirschburg



