Begegnung, die bleibt – Im Gespräch mit Ilse Neuenhofen, Ehrenamtskoordinatorin bei ELAN – Bürgerhilfe in der Psychiatrie e. V.

Nachdem der Verein ELAN – Bürgerhilfe in der Psychiatrie e.V. mit einer Werkstattgesprächsreihe im HirschburgFORUM zu Gast war, setzten wir das Gespräch mit Ilse Neuenhofen, Ehrenamtskoordinatorin des Vereins, in ruhiger Atmosphäre fort.
Im aktuellen Interview ging es um ihren persönlichen Weg, den Kern der Arbeit von ELAN – und um die besondere Rolle des Ehrenamts dort, wo Zeit nicht getaktet ist.

Persönliche Haltung und Motivation

Frau Neuenhofen, was hat Sie persönlich zu Ihrer Aufgabe als Ehrenamtskoordinatorin bei ELAN geführt? 

„Es war zunächst eigene Betroffenheit. Auch ich habe die Psychiatrie einmal von innen gesehen. Am Anfang habe ich für den Verein kleinere Aufgaben gemacht, mehr konnte ich damals noch nicht leisten. Dann stellte sich heraus, dass der Verein wächst, dass neue Projekte entstehen und dass Ehrenamtliche gebraucht werden. Und dass es jemanden braucht, der diese Ehrenamtlichen ein Stück anleitet und begleitet. Da war ich wieder gesund und konnte diese Aufgabe gern übernehmen.“

Geist und Auftrag des Vereins

Wie würden Sie Außenstehenden beschreiben, worum es bei ELAN im Kern geht? Mit welchen Menschen arbeitet der Verein?

„Wir arbeiten mit erwachsenen Menschen, die psychische Erkrankungen haben und oft lange Wege hinter sich haben – Klinikaufenthalte, betreutes Wohnen, psychiatrische Versorgung. Was häufig fehlt, ist nicht Unterstützung im professionellen Sinn, sondern menschliche Begegnung. Bei uns steht weniger die Diagnose im Mittelpunkt, sondern der Mensch.“ Außerdem machen wir intensive Öffentlichkeitsarbeit, z.B. unser Schulprojekt, wo wir in Schulen gehen und über psychische Erkrankungen aufklären und damit Berührungsängste abbauen.

Welche Rolle spielen Begegnung, Begleitung und Teilhabe in Ihrer Arbeit?

„Begegnung ist ganz zentral. Es geht darum, miteinander in Kontakt zu kommen. Begleitung heißt für mich, an der Seite zu bleiben, ohne zu steuern oder zu drängen. Teilhabe entsteht dort, wo Menschen wieder Dinge tun, die sie sich lange nicht mehr zugetraut haben – etwa gemeinsam ins Café zu gehen oder an einem Angebot teilzunehmen.“

Ehrenamt im Alltag

In welchen Bereichen sind Ehrenamtliche bei ELAN tätig?

„Ehrenamtliche sind bei uns in verschiedenen Bereichen tätig, zum Beispiel bei Freizeitangeboten wie Yoga oder Bouldern. Ein ganz zentraler Bereich ist das Patenprojekt.“

Können Sie dieses Patenprojekt näher beschreiben?

„Das Patenprojekt ist klar begrenzt. Wir sagen von Anfang an: Die Begleitung dauert sechs Monate und kann auf maximal ein Jahr verlängert werden. Diese zeitliche Begrenzung ist wichtig, damit keine falschen Erwartungen entstehen. Man ist Freizeitbegleitung auf Zeit, aber man wird kein privater Ansprechpartner oder gar Freund auf Dauer.

Im Kern geht es darum, regelmäßig Zeit miteinander zu verbringen – sich zu treffen, spazieren zu gehen, einen Kaffee zu trinken, vielleicht gemeinsam ins Museum zu gehen oder an etwas anzuknüpfen, das früher einmal Freude gemacht hat. Es geht nicht darum, Probleme zu lösen oder Verantwortung zu übernehmen, die eigentlich in professionelle Hände gehört.

Die Patinnen und Paten bringen keine Lösungen mit, sondern Präsenz. Sie sind da, hören zu, unternehmen etwas gemeinsam. Genau darin liegt die Wirkung: Menschen kommen wieder in Kontakt mit dem Leben außerhalb ihrer Erkrankung – in einem klaren, geschützten Rahmen.“

Begleitung und Verantwortung

Woran merken Sie, dass Ehrenamtliche gut angekommen sind – oder Unterstützung brauchen?

„Gut angekommen sind Ehrenamtliche, wenn sie berichten, dass sie Freude an der Arbeit haben. Und wenn sie sich distanzieren können. Ich frage immer: Nimmst du das mit nach Hause? Wenn jemand sagt, manchmal denke ich noch daran, aber eher, weil ich mich freue – dann ist das gut. Man merkt es auch daran, ob die Arbeit etwas bringt, ob Klienten angebunden werden, ob neue Kontakte entstehen.“

Erfahrungen, die bleiben

Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

„Ja, aus dem Patenprojekt. Es ging um einen älteren Herrn, der lange ein sogenannter Drehtürpatient war, von einer Therapie in die nächste. Eine junge Studentin hat die Patenschaft übernommen. Sie hat es geschafft, ihn aus dieser Depression herauszuholen. Sie sind gemeinsam ins Museum gegangen, ins Café, haben Interessen wieder geweckt. Und irgendwann sagte er zu mir: ‚Ich habe das Gefühl, meine Depression ist weg.‘ Das war ein sehr eindrücklicher Moment.“

Woran erkennen Sie, dass die Arbeit von ELAN für die Betroffenen einen Unterschied macht?

„An den Rückmeldungen. Und daran, dass Menschen plötzlich Dinge tun, die sie vorher nicht mehr konnten. Dass sie ihr Verhalten verändern, wieder Kontakte aufnehmen. Das zeigt, dass etwas in Bewegung kommt.“

Gesellschaftlicher Blick

Wo leistet Ehrenamt aus Ihrer Sicht etwas, das sonst fehlen würde?

„Ehrenamt leistet etwas ganz Entscheidendes: unbedingte Zeit. Professionelle Dienste sind getaktet, das ist notwendig. Ehrenamt hat diese Zeit ohne Uhr im Hintergrund. Es geht um Begegnung und Beziehung, nicht um Vorgaben oder Regeln.“

Hirschburg & Ausklang

Was hat Sie an der Einladung ins HirschburgFORUM angesprochen? Wo sehen Sie Berührungspunkte?

„Mich haben vor allem die Werte angesprochen. Menschlichkeit, Toleranz, gemeinsam menschlich leben. Das habe ich hier sehr deutlich gespürt, und das verbindet sich stark mit unserer Arbeit bei ELAN.“

Welchen Gedanken möchten Sie Menschen mitgeben, die über ehrenamtliches Engagement nachdenken?

„Ich würde immer sagen: Hinterfragen Sie sich zuerst selbst. Was macht mir Freude? Wo möchte ich meine Energie hineinstecken? Ehrenamt sollte kein Helfersyndrom bedienen. Wenn es Freude macht, entsteht eine Win-Win-Situation – für die Ehrenamtlichen und für die Menschen, die begleitet werden.“

Hinweis für Interessierte

Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, empfiehlt Ilse Neuenhofen ausdrücklich die Mach Mit – Freiwilligenzentrale der Diakonie Düsseldorf: https://www.diakonie-duesseldorf.de/ueber-uns/ehrenamt/machmit-die-freiwilligenzentrale. Dort werden Interessierte beraten und bei der Suche nach einem passenden Engagement unterstützt.

Auch der Verein ELAN ist offen für Anfragen. Aktuell werden bevorzugt weibliche Patinnen für das Patenprogramm gesucht.

Mehr Informationen zur Arbeit von ELAN e. V. und zu Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements finden sich auf der Website des Vereins: Verein ELAN – Bürgerhilfe in der Psychiatrie – Zusammen schaffen wir mehr: ELAN.