Warum Gemeinschaft stark macht – Michael Riemer im Interview auf der Hirschburg

Am 29. August 2025 war Michael Riemer, Vorstand der Stiftung des Kinderhilfezentrums Düsseldorf, erneut zu Gast im HirschburgFORUM. Es bot sich die Gelegenheit, intensiver über seine Arbeit, seine Motivation und seine Vision für Kinder und Jugendliche ins Gespräch zu kommen. 

 

„Wenn ich hier hochfahre, bin ich in einer anderen Welt“ 

Herr Riemer, Sie sind dem HirschburgFORUM bereits begegnet. Wenn Sie an diesen Ort denken – welche Bedeutung hat er für Sie ganz persönlich?
„Ich bin ja ein Düsseldorfer Junge und kenne die Geschichte der Stadt auch ganz gut. Ich wusste, dass es die Hirschburg gibt, aber ich wusste nie, wo genau. Früher war das mal ein Ausflugslokal und Hotel. Hier trafen sich die Menschen, haben gelacht, gefeiert, wahrscheinlich auch getrauert – es war ein Ort voller Leben.
Heute ist es eine völlig neue Situation. Ich bin so froh, dass es Menschen gibt, die so ein fantastisches Haus mit dieser wunderbaren Umgebung weiterentwickeln. Wenn ich unten von der Großstadt abbiege und hier hochfahre, sehe ich das weiße Gebäude und habe das Gefühl, ich bin in einer anderen Welt.“ 

 

„Gemeinsam ist man stärker“ 

Das Thema Gemeinwohl spielt hier eine zentrale Rolle. Wie passt dieser Gedanke zu Ihrem eigenen Lebensweg und Ihrem Engagement für Kinder und Jugendliche?
„Ich bin so sozialisiert worden: Das Gemeinwohl steht über allem. Schon als Kind habe ich in der kirchlichen Jugendarbeit und beim Handball erlebt – gemeinsam ist man stärker.
Später habe ich mich bewusst für das Kinderhilfezentrum entschieden. Ich hätte auch was anderes machen können, aber ich wollte mit Menschen leben und ihnen das geben, was sie bis dahin nicht bekommen haben. Und wenn ich sehe, wer sich hier im HirschburgFORUM trifft, sind das Menschen, die ähnlich ticken wie ich. Das ist wohltuend – man ist nicht alleine.“ 

 

„Die Leidenschaft für Gemeinschaft“ 

Was war der Moment, an dem Sie gemerkt haben: Für Kinder möchte ich mich beruflich einsetzen?
„Das war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Ich war mit sechs Jahren schon in der Jungschar, später beim Handball. Da habe ich gelernt: Gemeinsam macht es mehr Freude. Irgendwann wusste ich: Das ist meine Leidenschaft – nicht unbedingt für Erziehung, sondern für Gemeinschaft, fürs Leben, für Spaß am Leben. Und die Kinder haben gemerkt, dass zu den schönen Dingen auch gehört, dass man sich anstrengen muss.“ 

 

Einzigartig in Deutschland 

Was macht das Städtische Kinderhilfezentrum für Sie so einzigartig?
„Weil es wirklich einzigartig ist. Die Geschichte reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück – vom Kloster über ein Waisenhaus zum heutigen Zentrum. Die Idee war, Kinderhilfe in einem Zentrum zu bündeln.
Heute haben wir Kindergärten, Tagesgruppen, stationäre Wohngruppen, den Pflegekinderdienst, eine große Küche für die Jugendberufshilfe, das Werkhaus und ein Atelier. Alles auf einem Gelände mit Klostergarten und Spielplatz. Diese Mischung gibt es so in ganz Deutschland nicht.
Besonders ist das gemeinsame Leben: Jede Gruppe gestaltet ihre Räume selbst, bunt und individuell. Früher war alles gleich und zentral vorgeschrieben. Heute ist das Kinderhilfezentrum eine Oase mitten in der Stadt.“ 

 

Geschichten, die bleiben 

Gibt es eine Geschichte aus Ihrer Arbeit, die Sie persönlich bis heute berührt?
„Da fallen mir viele ein. Ein junges Mädchen mit Migrationshintergrund kam zu uns, brachte mir zur Einschulung eine kleine Figur. Sie wollte Sportlehrerin werden. Mit Unterstützung des Freundeskreises hat sie es geschafft: Fachabitur, Sporthochschule Köln – heute ist sie Lehrerin in Düsseldorf.
Ein anderer Junge konnte nicht mehr bei seiner Mutter leben, weil sie krank war. Er war pfiffig, machte Abitur, studierte in Maastricht, ging dann nach Brasilien und arbeitet heute bei der Deutschen Entwicklungsgesellschaft. Wir sind bis heute in Kontakt.
Wenn mir jemand nach Jahren sagt: ‚Die schönste Zeit meines Lebens war im Kinderhilfezentrum‘ – das ist für mich die größte Freude.“ 

 

Anerkennung – und was wirklich zählt 

Sie wurden 2022 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was hat dieser Moment für Sie bedeutet?
„Das war sehr emotional. Als der Anruf kam, dachte ich erst, es sei ein Scherz. Als ich dann hörte, dass der Oberbürgermeister mir das Kreuz persönlich verleihen möchte, war ich sprachlos.
Natürlich war es eine große Ehre. Aber die höchste Auszeichnung ist für mich, wenn mir ein ehemaliges Kind sagt: ‚Du warst der Erste, bei dem ich mich sicher gefühlt habe.‘ Das ist etwas, was man nie vergisst.“ 

 

Blick nach vorn 

Welche Vision haben Sie für das Kinderhilfezentrum in den kommenden zehn Jahren?
„Meine Vision ist, dass sich das weiterentwickelt, was jetzt schon da ist: die emotionale und soziale Kompetenz, das gemeinsame Leben von Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen. Das ist ein Schatz für unsere Stadt – eine Oase, die wir unbedingt erhalten müssen.“ 

 

„Kinder brauchen Liebe und Bewegung“ 

Welche Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen begegnen Ihnen aktuell am häufigsten?
„Im Grunde haben Kinder gestern wie heute die gleichen Bedürfnisse: Liebe, Geborgenheit, gemeinsam spielen, draußen sein. Das hat sich nie verändert.
Verändert haben sich die Rahmenbedingungen. Früher haben wir um den ersten Videorekorder gestritten – heute geht es um TikTok und Instagram. Da werden Bedürfnisse geweckt, die nicht immer wichtig fürs Leben sind. Aber die Sehnsucht nach Bewegung und Gemeinschaft bleibt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Angebote aufrechterhalten.“ 

 

Zum Schluss 

Herr Riemer, was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die darüber nachdenken, sich ehrenamtlich zu engagieren?
„Überlegt euch, was euch wirklich Freude macht. Sucht euch ein Feld, das euch interessiert und erfüllt – dann ist Engagement nicht nur eine Hilfe für andere, sondern auch ein Geschenk für euch selbst.“