Wenn Nachbarschaft lebendig wird: Andrea Abbing von Königinnen und Helden e. V. über Begegnung in Oberbilk
Ende 2025 war Andrea Abbing zu Gast im HirschburgFORUM. Schon dort wurde deutlich: Ihre Arbeit beginnt mit einer Haltung – zuhören, auf Augenhöhe begegnen, Verantwortung im eigenen Umfeld übernehmen.
Heute treffen wir sie im Quartiersprojekt „Waschsalon“ in Oberbilk.
Königinnen und Helden e. V. ist ein gemeinnütziger Kunst- und Kulturverein, der Bildungs-, Kultur- und Begegnungsprojekte für Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren im Stadtteil umsetzt – systemisch gedacht und generationsübergreifend angelegt.
„Entweder wir ziehen weg – oder wir ändern etwas“
Frau Abbing, wie würden Sie Ihre Rolle im Verein beschreiben und was hat zur Gründung geführt?
Ich habe den Verein nicht allein gegründet. Es war ein gemeinsamer Prozess mit anderen aus dem Viertel.
Der Gedanke war aber schon lange da – aus meiner Arbeit in der Intensivjugendhilfe und im Integrationsbereich heraus. Dort habe ich gemerkt, dass es neben Strukturen und Vorgaben auch einen anderen Zugang braucht: einen Zugang auf Augenhöhe.
Als sich die Situation im Viertel veränderte und viele Eltern sich sorgten, haben wir uns zusammengesetzt und gesagt:
„Entweder wir ziehen jetzt alle weg – oder wir ändern aktiv etwas.“
Daraus ist der Verein entstanden.
„Der Name ist ein positives Symbol“
Wie ist der Name „Königinnen und Helden“ entstanden?
Wir wollten nicht wie eine klassische soziale Einrichtung auftreten, sondern neugierig machen.
In jeder Kultur kennt man Königinnen und Helden. Kinder haben andere Bilder im Kopf als Erwachsene, aber es ist immer positiv besetzt.
„Es ist ein positives Symbol.“
Der Name verbindet unterschiedliche Altersgruppen und Kulturen. Er steht für Würde und Potenzial.
Kinder im Mittelpunkt – mit weitem Blick
Mit welchen Menschen arbeiten Sie hier besonders?
Unser Schwerpunkt liegt auf Kindern und Jugendlichen. Das war eine bewusste Entscheidung, um klar zu starten.
Gleichzeitig sind wir systemisch geprägt. Man kann nicht nur mit Kindern arbeiten, ohne die Familien mitzudenken. Und auch Senioren gehören dazu.
Generationenübergreifendes Arbeiten war von Anfang an Teil unserer Idee.
Oberbilk: Vielfalt mit wenig Aufenthaltsraum
Was erleben Sie hier im Stadtteil?
Oberbilk ist vielfältig. Hier leben Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten – friedlich nebeneinander.
Aber Begegnung entsteht nicht automatisch.
„Es gibt sehr wenig Plätze, wo man sich einfach mal hinsetzen und gemeinsam einen Kaffee trinken kann.“
Es fehlt an Orten mit Aufenthaltsqualität. Genau deshalb braucht es Räume, in denen man sich begegnen kann.
Ein Waschsalon wird Begegnungsort
Wie ist dieser Ort Teil Ihrer Arbeit geworden – und was soll hier entstehen?
Der Waschsalon liegt mitten im Viertel. Das war entscheidend. Wir wollten einen sichtbaren, erreichbaren Ort.
„Das soll ein Ort der Begegnung sein – mitten im Viertel.“
Hier sollen Kinder, Jugendliche, Familien und Senioren zusammenkommen. Es geht nicht um ein einzelnes Angebot, sondern um einen Raum, der Begegnung ermöglicht.
Wichtig ist die Freiwilligkeit. Menschen kommen, weil sie möchten – nicht, weil sie müssen.
Auch der Platz davor gehört dazu. Im Rahmen unseres Jahresmottos setzen sich Kinder und Jugendliche mit diesem Ort auseinander, vermessen ihn, entwickeln Ideen.
„Es geht um einen Heimatbezug.“
Präsenz schafft Vertrauen
Wie erreichen Sie Menschen im Quartier?
Wir sind präsent. Wir arbeiten aufsuchend, sind draußen auf dem Platz, stellen Tische auf, machen kleine Aktionen.
„Dann läuft es von Mund zu Mund.“
Wenn Menschen merken, dass wir bleiben, entsteht Vertrauen.
Manchmal ist es ganz einfach – etwa bei einer Waffelaktion:
„Man begegnet sich, hat Zeit füreinander und genießt die Aufmerksamkeit und Wärme.“
Wirkung zeigt sich im Kleinen
Woran merken Sie, dass Ihre Arbeit Wirkung entfaltet?
An der Entwicklung der Kinder. Wir haben Zeit für Gespräche.
Es geht nicht um Noten.
„Man kann auch eine ganz tolle 4 Minus schreiben.“
Wichtig ist, dass sich ein Kind etwas zutraut und sich wertgeschätzt fühlt.
Ein besonderer Moment ist, wenn ein Kind, das kaum Deutsch spricht, „Königinnen und Helden“ schreibt – vielleicht mit Fehlern – aber stolz dazugehört.
Oder im Seniorenprojekt kannten sich viele vorher nicht – obwohl sie im selben Viertel leben.
Heute grüßt man sich, hilft sich.
„Man geht nicht mehr aneinander vorbei.“
Solche Veränderungen sind leise – aber nachhaltig.
Herausforderungen: Medien und Beständigkeit
Was fordert Sie derzeit besonders?
Kinder haben sich verändert – durch die Pandemie und durch starken Medienkonsum. Es braucht neue Wege, sie für analoge Begegnung zu gewinnen.
Und natürlich die Finanzierung.
„Wir hangeln uns von Jahr zu Jahr.“
Begegnung braucht Beständigkeit. Vertrauen wächst durch Kontinuität.
Einladung an die Stadtgesellschaft
Wenn Sie eine Einladung aussprechen dürften – wie würde sie lauten?
Ich wünsche mir mehr Räume. Räume ohne Eintritt. Räume, in denen man einfach sein darf – und mitgestalten kann.
„Es geht immer um Mitdenken und Mitwirken.“
Mir ist wichtig, Menschen einzuladen, sich einzubringen. Nicht nur zu kommen, sondern mitzudenken und mitzutragen.
Königinnen und Helden ist keine Einzelperson. Hinter allem stehen viele Menschen, die sich austauschen und Verantwortung teilen.
Nachbarschaft wird lebendig, wenn Menschen nicht nur teilnehmen, sondern dazugehören.
Mehr über die Arbeit von Königinnen & Helden erfahren: Startseite – Königinnen & Helden e.V.



